Weltkongress Inclusion vom 16. bis 19. Juni in Berlin. „Inclusion” wird in Minden weiter umgesetzt
England ist weit, Deutschland könnte schon weiter sein. So lautet das Fazit, das die zehn Delegierten der Lebenshilfe des Altkreises aus Berlin mitbringen. Zusammen mit 2 500 Teilnehmern aus 74 Ländern nahmen sie am fünfzehnten Weltkongress mit dem Motto "Inclusion – Rechte werden Wirklichkeit" teil.
‚Inclusion' ist ein noch relativ unbekannter Begriff. Treffend wäre vielleicht die Erklärung, dass es hier im Zusammenhang mit Menschen mit Behinderung darum geht, von Anfang an dazuzugehören. Erst von irgendetwas separiert zu werden, dann wieder integriert um später doch wieder eine Gruppe in der Gruppe zu sein, dagegen wendet sich die „Inclusion”.
Konkret geht es um die Rechte aller für alle. Dazu Michael Klöpper: "Ich habe das Recht, so zu leben, wie ich möchte. Ich kann selber entscheiden." Michael Klöpper ist ein aktiver Selbstvertreter. Zusammen mit Elga Rodenberg ist er im Lebenshilferat in Minden aktiv. Elga Rodenberg: "Hilfe und Unterstützung sind gut, aber Eltern müssen uns Kinder loslassen. Es gibt schon interessante Projekte zur ‚Inclusion' auf kommunaler Ebene. Eine erste Umsetzung erfolgt in Schleswig Holstein. Hier sollen Studenten mit Behinderung in die FH aufgenommen werden."
Für die mitgereisten Selbstvertreter Mustafa Bulut, Jens Annemann, Elga Rodenberg und Michael Klöpper stand nach vier Kongresstagen fest: Es waren informative, erlebnisreiche Tage mit Vorträgen und Workshops zu den Bereichen Leben, Wohnen und Arbeiten. "Unsere nächste Aufgabe ist die Erstellung eines Aktionsplanes unter Beteiligung von uns Selbstvertretern", sagt Rodenberg.
Das sieht auch die Geschäftsführung der Lebenshilfe so: "Wir müssen die Selbstvertreter in Planungen und Entscheidungen noch viel mehr mit einbeziehen, beispielsweise beim geplanten Lebenshilfecenter", sagt Jochen Rogmann. "Dabei ist die Befähigung von Selbstvertretern und Eltern noch eine große Aufgabe hinsichtlich Selbstbestimmung und eigenen Entscheidungen", ergänzt Elisabeth Oehler.
Deutschland ist noch Entwicklungsland.
Die Engländer sind da schon weiter. "Dort leben sehr schwer behinderte Menschen alleine in einer Wohnung", sagt Jens Annemann. "Für mich war dieser Vortrag Mut machend. Was man erreichen will, kann und muss man selber anpacken." Die angebotenen Workshops und Vorträge reichten von wissenschaftlicher bis leichter Sprache. Über Kopfhörer wurde simultanübersetzt, damit auch jeder der Veranstaltung folgen konnte.
Für Stefanie Quaschnowitz und Eltje Wengenroth, die beide als Betreuerinnen mitreisten, war besonders der international unterschiedliche Stand in der Behindertenarbeit interessant. Deutschland sei zum Teil noch Entwicklungsland in der Selbstbestimmung und ‚Inclusion'. Mustafa Bulut: "Für mich war beeindruckend, dass so viele behinderte Menschen hier zusammenkommen. Die Lebensverhältnisse in anderen Ländern sind oft viel schwieriger als hier."
Persönliche Zukunftsplanung
Eine interessante neue Herangehensweise ist die gemeinsame Planung mit allen beteiligten Gruppen und nicht nur mit professionellen Leuten. Eltern, Nachbarn, Freunde sollten bei der Zukunftsplanung mit einbezogen werden, so Lebenshilfemitarbeiter Björn Meyer. "Wenn behinderte Menschen etwas nicht wollen, dann müssen wir es akzeptieren, auch wenn wir es nicht immer verstehen", sagt Mia Farah, eine Selbstvertreterin aus dem Libanon. ‚Inclusion' sei noch nicht erreicht, müsse als fester Begriff verankert und mit Leben gefüllt werden, so Mitarbeiterin Hilke Droste.